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StartKolumneKolumne: Tagebuch der Vera Neumann aus dem Jahr 2033, Teil 7

Kolumne: Tagebuch der Vera Neumann aus dem Jahr 2033, Teil 7

(Dezember 2019) Pflegemanagerin Vera Neumann (66) wird in ihrer Senioren-WG von einigen KI-Robotern unterstützt. Als sie an Hautkrebs erkrankt, lernt sie staunend die Medizin des Jahres 2033 kennen. Die Ärzte möchten an ihr neuartige Medikamente testen und dafür einen digitalen Zwilling ihres Körpers aufbauen. Alle ihre physiologischen Vorgänge und Reaktionen sollen digital und gekoppelt mit einem Patient-on-a-chip simuliert werden. Ihr Tagebuch lesen Sie exklusiv in mt-medizintechnik.

Leben mit Avataren

  1. März 2033 – Mittwoch

Ich habe Jochen von meinem digitalen Zwilling erzählt. Er war überhaupt nicht überrascht, im Gegenteil. Er lebt längst mit einem Heer von digitalen Menschen zusammen. Unglaublich! Hier ist die Videomaster-Aufzeichnung unseres Telefonats:

Ach, liebe Vera, jetzt hast du dir also auch einen Digital Twin zugelegt. Bei uns heißen sie Avatare. Ich habe eine Menge davon eingerichtet. Sie vertreten mich als Gesprächspartner in vielen Chatrooms. Dort diskutieren wir meistens über gesellschaftliche und politische Entwicklungen. Ich hatte mir früher sogar einen weiblichen Avatar zugelegt, der sich als junger Teenager mit anderen Mädchen über Musikkultur und erste Liebeserlebnisse ausgetauscht hat. Hochspannend. Bis ich dann gemerkt habe, dass einige in dieser Gruppe ebenfalls keine echten Teenies waren, da wurde es dann langweilig.

Jochen, wie? Du hast dich mal als junges Mädchen ausgegeben? Das war zu meiner Zeit aber sehr anrüchig. Das heißt, du tauchst in Gesprächen garnicht als echter Mensch auf, sondern nur als dein digitaler Zwilling? – Oh mein Gott, mit wem spreche ich denn jetzt gerade? Bist du das wirklich in echt, Jochen?

Nein, keine Bange, Vera, ich bin echt, du siehst mich doch auf dem Bildschirm gerade vor dir. Hier schau, mein Muttermal. Meine Avatare erkennt man sofort am perfekten Aussehen und dem eingeblendeten Namensschild. Sie sind sehr nützlich, denn so kann ich indirekt an vielen interessanten Diskussionen teilnehmen, ohne meine Zeit dafür zu verschwenden. Über Religion, Kunst, Wissenschaft, Sport – ich habe meine Avatare mit meinen echten Ansichten gefüttert und sie vertreten in den Chatrooms dann meine Meinung. Manchmal fragen sie mich auch zurück, aber ich erhalte immer eine Zusammenfassung der Diskussionen.

Das kenne ich ja auch von meinen Chats, in denen ich unter einem Fantasienamen auftrete. Aber dass du überhaupt nicht selbst beteiligt bist, sondern dich von einer KI vertreten lässt, das ist mir unheimlich. Kannst du ihr überhaupt vertrauen?

Aber ja doch. Wir machen sogar geschäftliche Konferenzen über Business-Strategien, wo ich mich vertreten lasse. Letzte Woche hat mir mein muslimischer Avatar die Sichtweise der islamischen Welt nahegebracht. Das war sehr hilfreich für die Lösung unserer aktuellen Geschäftsprobleme in einem arabischen Land.

Was, du hast sogar einen Moslem-Zwilling? Wie geht das denn?

Ganz einfach, ich habe ihm einen speziellen Lebenslauf verpasst, mit dem Koran gefüttert und einer arabischen KI gekoppelt. Es ist jetzt ein sehr kompetenter Gesprächspartner geworden. So kann ich mich in alle möglichen Mentalitäten und Kulturen hineinversetzen.

Mein Gott, ich bin jetzt ganz verwirrt. Wo ist denn da noch das echte Leben, die Realität? Das kommt mir so vor, als wenn im Kino der Filmheld plötzlich aus der Leinwand zu mir herabsteigt und mit mir herumflirtet. Das muss ich erstmal verkraften. Ich verliere mich ja immer mehr in eine irreale Traumwelt.

  1. März 2033 – Donnerstag

Ich habe auf der Station Bruno und Erna von meinem digitalen Zwilling und Jochen erzählt. Die kennen das auch! Herlinde von Zimmer 12 führt gar keine Telefonate mit ihrer echten Schwester, denn die ist schon vor drei Jahren verstorben. Und der sexsüchtige Klaus-Peter von Zimmer 23 hat sich einen ganzen Harem von geilen Avataren angeschafft. Mir kommt der Verdacht, dass meine KI-Doktoren Gottfried und Ferdinand vielleicht auch nur digitale Zwillinge sind. Und dahinter verstecken sich echte Ärzte, die ich nie kennenlernen werde.

Mir kommt da gerade eine gruselige Vorstellung. Ob sich Jochen vielleicht auch schon Avatare von seinen toten Eltern gebaut hat? Mit denen in einsamen Stunden vertrauliche Gespräche führt? Er hat ja den grässlichen Unfall damals gut überstanden. Vielleicht existieren seine Eltern auch noch digital im Internet? Und ich könnte mit meiner geliebten Tochter reden, obwohl sie schon seit sechs Jahren tot ist. Mein Gott, wie grauslich. Die Menschen werden als digitale Klons unsterblich!

Jetzt muss ich schnellstens mit Dr. Rath darüber reden. Von Angesicht zu Angesicht.

Quelle Text: Manfred Kindler, mt-medizintechnik Heft 5/2019

Quelle Bild: Mirjam Bauer

 

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