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StartKolumneKolumne: Tagebuch der Vera Neumann im Jahr 2033, letzte Folge Nr. 20

Kolumne: Tagebuch der Vera Neumann im Jahr 2033, letzte Folge Nr. 20

(Januar 2022) Die krebskranke Pflegemanagerin Vera Neumann möchte ihrem Leben endgültig eine Wendung geben und hat einen Entschluss gefasst: Sie wird sich von der modernen KI-Welt so weit wie möglich verabschieden und heute ein letztes Mal von ihren Erfahrungen berichten.

  1. Mai 2033 – Sonntag

Was für eine aufregende Zeit! Ich komme gar nicht mehr dazu, mein Tagebuch zu führen. Vor einer Woche hatte ich mich mit meinen Männern zu einer Beratungsrunde zusammengesetzt. Unser Entschluss steht fest: Wir gründen die WG in der „Wildnis“. Wir werden aus dem digitalen Zirkus aussteigen und zurück zur Natur vagabundieren, mit echten Tieren!

Unsere Jobs haben wir gleich an den Nagel gehängt und den nötigsten Hausrat zusammengesucht. Wir sind klar für den Neustart. Frank stellt uns im Münsterland sein großes Grundstück und Restaurant zur Verfügung. Thorsten hat sich auch von seinem Animateur-Job im Krankenhaus-Museum der Ruhr-City verabschiedet. Seine medizinische Ausrüstung durfte er mitnehmen – wer weiß, wofür ’s gut ist. Mein lieber Hygiene-Inspektor Wilhelm freut sich schon darauf, von den verbotenen Früchten und Kräutern zu naschen. Seinen Nachfolger Kurt hat er noch eingearbeitet. Pflegekollege Bruno will auch bei uns mitmachen. Er will aber keine sexbesessenen Patienten und falschen Karnevalsprinzessinnen mehr betreuen. – Kann ich verstehen: Was hat die uns die verwirrte Herlinde im Heim an Nerven gekostet!

Jochen in China hat nur den Kopf geschüttelt. Auf deine alten Tage wirst du noch eine Rebellin? Ob das mal gut geht. Wenn das jeder machen würde … der Staat wird das nicht zulassen. Er war also ganz der Alte und auf Linie.

  1. Juni 2033 – Sonntag

Zusammen mit den Freunden und Verwandten meiner vier Männer haben wir in dem alten Pferdestall und einer Scheune von Frank ein paar kleine Wohnungen eingebaut. Mit viel Holz aus dem umliegenden Wald. Die Räume sind schön bemalt, mit Naturfarben aus Pflanzen. Duftkräuter, viele Holzschnitzereien – eine Naturoase zum Wohlfühlen. Die ersten Bewohner unserer neuen WG sind schon eingezogen. Tagsüber wird viel gewerkelt und gebastelt. Abends gibt es Vorträge und Diskussionen über alte Erlebnisse. Lebensgeschichten werden aufgeschrieben, kurzum – wir sind immer beschäftigt. Keine Zeit zum Altwerden.

  1. Juni 2033 – Samstag

Hygiene-Inspektor Kurt war unangemeldet hier. Klar, dass der gleich schnüffeln kommt. Er war natürlich entsetzt von den Zuständen bei uns: Überall kontaminierte Stellen. Keine zertifizierte Nahrung, keine medizinische Überwachung, keine Abfallkontrolle. Illegal beschafftes Holz als Baumaterialien. Dazu noch unsterile Tiere, igitt! Hochgradig gefährliches Experiment mit Menschen, was wir da durchführen. Unverantwortlich! Er hat eine offizielle Begehung mit einem Inspektorenteam angekündigt. Unsere WG soll umgehend geschlossen werden. – So ein Miststück!

Unsere Stimmung ist auf dem Tiefpunkt. War alles umsonst? Bleiben wir weiterhin Gefangene in unserer digitalen Welt? In meiner Verzweiflung rufe ich Doc Ferdinand an. Den echten. Er war mir beim Abschied gewogen und weiß vielleicht einen Ausweg. Er hat doch gute Kontakte zum Gesundheitsministerium. Und wenn man mal ein Ministerium braucht …

  1. Juli 2033 – Samstag

Ein Lichtblick. Doc Ferdinand war mit seiner Familie zu Besuch. Inoffiziell. – Irgendwie schleichen sich hier alle wieder an … aber ich habe ihn ja kontaktiert und er hatte auch eine geniale Idee: Sein Dive-Projekt läuft ja weiterhin und hat als Leuchtturmprojekt bereits weltweit Aufsehen erregt. Er will seinen Forschungsauftrag auf fünf Jahre erweitern – mit uns als Probanden-Crew! Wir werden nun alle Forscher, die mit ihm „die Einflussparameter auf die mentale und physische Gesundheit von Menschen in extremer Umgebung“ untersuchen. – Ach Gott, ja, diese Vokabeln! Und geht dieses Schicksal jetzt doch weiter? – Aber wenn es uns hilft, machen wir da doch mit! Es scheint auch ganz einfach: Ferdinand wird die Ergebnisse formal in meinen digitalen Zwilling einspeisen, hat uns aber versprochen, dass wir bis auf eine monatliche Blutprobe nicht behelligt werden. Was soll’s, einmal im Monat … wöchentlicher Vollkörperscan wäre entschieden schlimmer.

Auch Jochen war mir noch mal nützlich. Er wusste zwar nicht wofür, aber er hat für mich gebastelt: einen feinen Avatar, damit ich nicht ganz aus dem öffentlichen Leben der Anderen und der Behörden verschwinde. Ich muss aber nichts mehr dafür tun. Ferdinand hat ihn mit Dive gekoppelt. Mein digitaler Zwilling doubelt mich, lässt mich aber in Ruhe. Passt doch, oder? Ich schreie innerlich Hurra über so viel erfolgreiche Technologie.

  1. August 2033 – Samstag

Ja, Hurra! Geschafft. Kurts Aktion wurde so lange gestoppt. Das Forschungsministerium hat dem Antrag stattgegeben, allerdings mit einer Reihe von genau definierten Auflagen: völlige Abschottung von der Umwelt – keine Presse, keine Interviews, wir müssen völlig isoliert bleiben. Hätte es schöner kommen können? Hurra!

Jetzt sind wir endlich frei: keine Sensoren mehr in unseren Klamotten, keine nervigen Robot-Gesichter in den Spiegeln und Videowänden, kein synthetisches Essen mehr. Nur noch wirkliche Menschen und Knuddeltiere zum Anfassen um uns herum.  – Unser kleiner Kosmos eben, und ob eine Parallelwelt mehr oder weniger, darauf kommt es doch nun auch nicht mehr an …

Quelle Text: Manfred Kindler in mt-medizintechnik Heft 6/2021

Quelle Bild: Mirjam Bauer

 

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