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StartKolumneKolumne: Tagebuch der Vera Neumann in Jahr 2033, Teil 17

Kolumne: Tagebuch der Vera Neumann in Jahr 2033, Teil 17

(November 2021) Für die krebskranke Pflegemanagerin Vera Neumann war die Begegnung mit ihrem digitalen Zwilling eine verwirrende Erfahrung. Die Wissenschaftler und Mediziner indes versprechen sich davon weiteren Erkenntnisgewinn über den Heilungsprozess ihrer Patientin. Ihr Tagebuch lesen Sie exklusiv in mt-medizintechnik.

  1. Mai 2033 – Mittwoch

Ich habe mich wieder beruhigt. Warum hat mich dieses verzerrte Selbstbildnis nur derart auf die Palme gebracht? War ich wirklich eifersüchtig auf die aufgehübschte Dive-Tussi? Eigentlich hat Thorsten ja recht mit seinem Verweis auf den seelenlosen Computerkram und dass es keinen Sinn macht, sich darüber so aufzuregen. Als Kontrastprogramm zu meinem sterilen elektronischen Zwilling und der ganzen digital Correctness gönne ich mir jetzt eine große Tasse unzertifizierten Kräutertee mit selbst gebackenen Keksen aus Franks sonnenverwöhntem, echtem Hafer und träume von meiner alternativen WG auf dem Lande. Solcher Art sind meine Sünden und mehr betonte Gelassenheit kann ich mir im Moment kaum vorstellen …

  1. Mai 2033 – Donnerstag

Vorhin hat mich Doc Ferdinand angerufen. Ganz exklusiv, denn es war wieder der echte, nicht sein Avatar. Das scheint eine gute Gewohnheit zu werden, gegen die ich nichts einzuwenden habe. Wir haben über meinen Auftritt am Montag gesprochen. Er versteht meine Reaktion. Aber er lässt nicht locker und erzählte nun auch von den monatelangen Vorbereitungen seiner IT-Experten und ihrem Enthusiasmus, als sie anfingen, eine möglichst perfekte Simulation eines Menschen zu schaffen. Und er berichtete von der aufkommenden Begeisterung, als immer mehr Teams in aller Welt sich ihrem Projekt anschlossen, und von der Feierstunde, als sie dazu den weltstärksten Quantencomputer integrieren konnten. Es seien eben noch junge Leute, die ihre Pubertät noch nicht ganz abgelegt hätten und ihre verborgenen Sehnsüchte in die Dive einfließen ließen. – Start-ups eben, im Job wie im Leben, und ich mittendrin … Aber sie möchten sich bei mir dafür entschuldigen, dass sie mich mit der Darbietung verletzt haben. – Oh ja, Jungs, das habt ihr!

Ich hatte mir gerade ganz beklommen vorgestellt, wie die gaffend phantasierenden Jüngelchen in mir ein Sexualobjekt erblickten und es perfektionieren wollten. Dass ich auch noch in diesen Jungbrunnen fallen würde, hätte ich nicht zu träumen gewagt. Mir schwanden fast die Sinne und ich drohte in Gedanken schon zu stürzen, da sprach Doc Ferdinand einen Punkt an, der mich aufhorchen ließ: Der tiefere Sinn der ganzen Aktion ist es doch, die Grenzen zwischen der digitalen Medizin und dem realen Leben auszuloten. Durch meine Lebensumstellung habe ich ungewollt das theoretische Modell der Mediziner ins Wanken gebracht und nach der ersten Frustration ein tiefes Nachdenken ausgelöst. Meine Worte, sie seien nur Automechaniker, die durch das Studium des Motors etwas über den Fahrer erfahren wollen, haben sie wohl tief getroffen. Jetzt möchten sie natürlich mehr sein als bloße Schrauber und auch etwas über die Person ‚Mensch‘ erfahren, vor allem über meine Fähigkeit zur Gesundung, denn meine Heilung lässt sich nur teilweise durch die Krebs-Immuntherapie erklären. Viele unbekannte Parameter müssen da noch mitgespielt haben. – Also doch ein bisschen Natur oder auch ein Quantum Psychologie?

Kurzum, er bittet mich, für die medizinische Forschung weiterhin zur Verfügung zu stehen, diesmal aber unter einem ganz anderen Gesichtspunkt. – Wenn ich so weitermache, gehe ich noch in die Forschungsgeschichte ein, als Unikum und Vera-Diva, das Faktotum oder die Ikone unter den Testpersonen. Werde ich so womöglich noch berühmt? Bei alldem: Der Gedanke, diesen technikvernarrten Theoretikern aufs Neue zu zeigen, wie das wirkliche Leben außerhalb ihrer Algorithmen spielt, gefällt mir immer mehr. Auf jeden Fall darf ich jetzt wählerisch sein, denn ich bin gefragt wie ein Star und bitte mir deshalb etwas Bedenkzeit aus. Zudem wollte ich mit diesem Kram eigentlich nichts mehr zu tun haben.

  1. Mai 2033 – Freitag

Heute Morgen ein längeres Gespräch mit meinem Enkel Jochen in China. Ich forderte ihn auf, erst mal seine Brille abzulegen, mir tief in die Augen zu sehen und zu versichern, dass ich nicht mit seinem Avatar rede. Denn allmählich ist Authentizität für mich so wesentlich wie die Luft zum Atmen. Und ich brauche noch immer echten Sauerstoff. Jochen war natürlich sehr an der Digi-Tussi interessiert und fragte mir zu den Dialogen mit der Diva regelrecht Löcher in den Bauch. Schließlich wollte er noch wissen, ob im IT-Team auch Chinesen mitgearbeitet hätten. – Mein Gott, er und seine IT! Aufgrund meiner Schilderungen zur Schnelligkeit und Schlagfertigkeit glaubt er, dass im Hintergrund sogenannte neuromorphe Schaltungen gewirkt haben. Das seien Computerchips, die nicht mehr mit Transistoren arbeiten, sondern menschliche Hirnfunktionen mit nervenähnlichen Neuristoren nachbilden. Die Chinesen hätten da schon jahrelang die Weltführung inne. Diese Technologie hätte die künstliche Intelligenz um einen großen Sprung vorangebracht. – Man sieht: Jeden Tag was Tolles aus dem Reich der Mitte, aber mir war das schon wieder zu viel an Robotik und Maschinenwesen und ich beendete das Gespräch abrupt mit einer Ausrede.

Nach dem neuerlichen Technologiezauber brauche ich jetzt mal wieder den Austausch mit Thorsten und meinen erdverbundenen Freunden Wilhelm und Frank. Und einfach frische Luft ohne Elektrosmog und virtuelles Rauschen, sonst werde ich selber noch ganz transistorisch, neuristisch oder neuromorph oder irgend so etwas in der Art …

Quelle Text: Manfred Kindler mt-medizintechnik Heft 3/2021

Quelle Bild: Mirjam Bauer

 

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