- Anzeige -
StartKolumneKolumne: Tagebuch der Vera Neumann im Jahr 2033, Teil 19

Kolumne: Tagebuch der Vera Neumann im Jahr 2033, Teil 19

(Dezember 2021) Die krebskranke Pflegemanagerin Vera Neumann hat ihren Körper und den eigenen digitalen Zwilling in der Vergangenheit der Forschung überlassen. Doch Veras Skepsis gegenüber der KI-Forschung ist gewachsen und sie möchte den Wissenschaftlern nicht länger als Probandin zur Verfügung stehen.

  1. Mai 2033 – Donnerstag

Heute war wieder ein Treffen in der Klinik angesetzt. Doc Ferdinand wollte mit mir die weitere Vorgehensweise besprechen. Dazu hatte er sein gesamtes Team eingeladen. Alle gingen sie davon aus, dass ich nun mit Freuden die digitale Vera menschlicher machen will. Ich beschloss, erst mal zuzuhören, und schaute mir die IT-Freaks genauer an. Eigentlich sind das ganz sympathische junge Leute, im Erscheinungsbild zwar etwas vernachlässigt, aber das bringt wohl ihr permanentes Sitzen vor dem Computer mit sich. – Sie sind halt ganz bei der Sache …

Die kleinen Senkrechtstarter brannten auch vor Ehrgeiz und sprudelten ihre Visionen wie ein Wasserfall hervor: erstmalig ein digitales Lebewesen erschaffen. Sie wollen alle Menschen unsterblich machen, indem man ihren Geist in den Datenspeichern verewigt. Überhaupt, jetzt ist die Zeit gekommen, den Menschen von all seinen Schwächen und Macken zu reinigen und zu optimieren. Ganz neue Lebewesen wollen sie kreieren, die die Natur noch nie gesehen hat. – Ich hörte den Skurrilitäten mit offenem Mund zu und fühlte mich wie in einem schlechten Science-Fiction-Film. War ich jetzt der Hauptdarsteller hier, ein Statist oder nur der Zuschauer?

Doc Ferdinand merkte als Erster, dass bei mir etwas nicht stimmte. Vielleicht hatte er das wütende Blitzen in meinen Augen bemerkt. Jedenfalls fragte er mich ganz unvermittelt: „Vera, was hältst du von diesen Ideen?“ Und dann ging ich auch gleich ans Großreinemachen, denn ich war gerade richtig in Form: „Ich halte euch alle für perfide Monster. Für arrogante Frankensteins, die es wagen, sich an der unschuldigen Natur zu vergreifen. Schämen solltet ihr euch! Eure Welt wird eine Hölle, bevölkert von Zombies und Maschinenmenschen. Auf keinen Fall möchte ich da leben! Habt ihr denn überhaupt keine Ehrfurcht vor dem Menschen, dem Leben, der Schöpfung? Man sollte euch alle mit euren verdammten Computern in einem Raum einsperren! Dort könnt ihr bis an euer Lebensende nervös herumklicken und mit Künstlichen Intelligenzen spielen – ohne jeglichen Kontakt zur ach so verstörenden Außenwelt. Kommt mir mit euren absonderlichen Ideen bitte nie wieder ins Gesichtsfeld!“

Als ich in ihre entsetzten Milchgesichter schaute, tat mir mein heftiger Ausbruch schon wieder leid. „Eigentlich seid ihr doch nette Jungs. Was ist bloß bei eurer Erziehung schiefgelaufen? Ihr verhaltet euch wie Drogensüchtige. Zur Therapie solltet ihr mal eine Woche in einem urwüchsigen Wald zelten gehen, mit ein paar ganz normalen Menschen und ohne irgendwelche digitalen Gimmicks. Ihr solltet den Wind spüren, die Pflanzen riechen, die Kräuter schmecken, klares Bachwasser trinken, Tiere streicheln, den Insekten bei der Arbeit zusehen – und vor allem reden, reden, reden. Mit anderen Menschen. Über die unglaublichen Wunder der Natur, über den wahren Ursprung des Menschen, über die Schönheit des Sternenhimmels. Denn es gibt sie noch, die unverfälschte Welt, zumindest haben auf unserer Erde noch ein paar Inseln überlebt. In den ersten Tagen werdet ihr fürchterlich an Entzugserscheinungen leiden, aber dann dringt langsam die Wirklichkeit wieder zu euch durch – mit all ihren Mysterien. Also versucht es doch mal: Fühlt, spürt und holt ein wenig von eurer verlorenen Jugend nach!“

Und mit diesem pädagogischen Plädoyer gelang mir ein hollywoodreifer Abgang von der Bühne. Ich hinterließ ein perplexes Publikum.

  1. Mai 2033 – Freitag

Mein Psycho-Coach, KI-Doc Gottfried, meldete sich nach längerer Abwesenheit wieder auf allen meinen Bildschirmen gleichzeitig. Augenscheinlich hatte man ihn alarmiert, weil „die analoge Vera“ gerade verrückt geworden ist. Seine schamanenhafte Stimme begann mich einzulullen. Er wollte mich damit wohl von meiner Depression befreien. Sollte ich nun erneut einen wütenden Aufstand simulieren und den echten Gottfried hinter dem Avatar hervorlocken? – Ach nein, zu anstrengend, wozu auch? Ich bin mit dem Laden fertig. Daher strahlte ich ihn nur an: „Nein, mir geht es bestens. Ich bin zutiefst glücklich! Und ich bin endlich frei!“ Meine Reaktion kam ihm wohl sehr verdächtig vor, denn er drohte nur: „Ich melde mich wieder!“ und verschwand vom Schirm. Jetzt steht bestimmt eine dringende KI-Konferenz mit seinen anderen Blechkollegen an.

  1. Mai 2033 – Samstag

Doc Ferdinand berichtete mir gestern Abend per Videomail vom Shitstorm auf meinem Klinik-Account, den er ohne mein Wissen angelegt hatte. Offenbar habe ich durch meinen Rückzug zahllose Follower eingebüßt. Aus Fans wurden in Sekundenschnelle Feinde, was mir zeigt, dass die Sympathie auch nur eine Form der Hysterie gewesen sein kann. Die Beschimpfungen sind jetzt so facettenreich, dass sie kein Scan mehr zu detektieren vermag. Sie reichen von ‚EoP‘ (Enemy of Progress) über ‚reaktionäre Schlampe‘ bis hin zu Begriffen, die mir niemals über die Lippen geschweige denn über die Tastatur auf den Schirm kämen. – Und so endet die Karriere der Wissenschafts-Ikone Vera. Das ist nicht weiter schlimm, aber mich gleich als Gegnerin allen Fortschritts abzustempeln – nee Kinder, lasst mal die Kirche schön im Dorf!

Quelle Text: Manfred Kinder in mt-medzintechnik Heft 5/2021

Quelle Bild: Mirjam Bauer

 

Mehr