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StartKolumneKolumne: Tagebuch der Vera Neumann im Jahr 2033, Teil 12

Kolumne: Tagebuch der Vera Neumann im Jahr 2033, Teil 12

(Oktober 2020) Pflegemanagerin Vera Neumann (66) wird in ihrer Senioren-WG von digitalen Ärzten und KI-Robotern unterstützt. Nach der glimpflich verlaufenen Inspektion der Kräuterzucht in ihrer Küche möchte Vera Neumann ihr Leben ganz auf eine vegetarische Ernährung umstellen. Die Ärzte betrachten ihre Begeisterung für unkontrollierte Pflanzennahrung skeptisch und bestellten sie umgehend zur Untersuchung in die Klinik, um igren digitalen Zwilling an die neue Lage anzupassen.

Dieses Tagebuch lesen Sie exklusiv in mt-medizintechnik.

  1. April 2033 – Freitag

Obwohl ich noch krankgeschrieben bin, werde ich heute meine Senioren-WG besuchen. Ich will einige meiner Patienten in alter Tradition in den April schicken. Und natürlich möchte ich ihnen auch von meiner neuesten Entdeckung berichten.

Was für eine Enttäuschung. Ich war mir sicher, dass sich die Senioren alle noch an die früheren Aprilscherze erinnern können. Ich hatte ihnen erzählt, dass sie ab morgen wieder in die Schule gehen müssen, weil die Gültigkeit ihrer alten Zeugnisse abgelaufen ist. Das hat sie überhaupt nicht interessiert. Sie sind durch die permanente Medienberieselung mittlerweile so abgestumpft, dass die reale Welt auf keinem Wege mehr zu ihnen durchdringt. Auch Lautstärke hilft da nicht weiter. Elfriede lebt den ganzen Tag als Dornröschen in ihrem Märchen-Setting und Herlinde von Zimmer 12 feiert weiterhin mit ihrem Prinzen den Kölner Karneval. Sie lallt und schunkelt, bis sie wieder einschläft. Bei Klaus-Peter von Zimmer 23 reicht es noch für eine kleine Strategie: Er will sich krankschreiben lassen, damit er die neusten Sexfilme nicht verpasst.

Da hat mich dann die Wut gepackt. Ich habe mir unseren Pfleger Bruno gegriffen und ihn gezwungen, das laufende Programm der Media-KI Cornelia auf eine frischgrüne Waldlandschaft umzustellen. Das gab natürlich erstmal Geschrei auf Zimmer 12. Kölle Alaaf und Natur passen schließlich nicht zusammen. Die beiden anderen waren da schon etwas beweglicher: Elfriede schlüpfte geschwind in die Haut von Rotkäppchen und der Lustmolch Klaus-Peter wartete mit Stielaugen auf die nackten Waldelfen. Um der Retro-Naturtherapie noch eins draufzusetzen, bin ich zu jedem Patienten hin und habe ihnen ein Büschel frische Zitronenmelisse und Minze unter die Nase gehalten. Das hat gewirkt: Sie waren alle am Schnuppern wie bei einer Parfümprobe, denn irgendwo in den hintersten Gehirnwindungen fanden sie wohl doch noch Erinnerungsfetzen an den Duft ihrer Jugend. Jedenfalls wurden alle ganz still und nachdenklich.

Leider hielt die Wirkung nicht lange an und meine Kolleginnen beschwerten sich schon, dass ich auf der Station die eingespielte Routine durcheinanderbringe. Zur Wiederherstellung des Ruhe-Regimes wurde Cornelia resetted und alle Patienten konnten wieder in ihre Traumwelten entschwinden. Eigentlich wollte ich ihnen zur Feier des Tages noch einen schönen Kräutertee kochen, aber ich kapitulierte und zog beleidigt wieder ab.

Abends habe ich dann meinen KI-Coach Gottfried auf die Probe gestellt. Er lehrt mich dauernd seine Mindbody-Therapie, aber das Aroma von Zitronenmelisse und Pfefferminze ist ihm so fremd wie einem Eisbären die afrikanische Steppe. Also ist er wohl auch nur ein verkappter Blechheini und dahinter steckt kein echter Mensch. Mir fällt dazu ein Zitat der Band Novalis ein: „Wer Schmetterlinge lachen hört, der weiß, wie Wolken schmecken.“ Aber das war damals und nur ein Lied.

  1. April 2033 – Samstag

Gleich in der Frühe habe ich meinen Enkel Jochen in China angerufen. Er hatte wieder seine blöde Smartbrille auf, um die Börsenkurse zu verfolgen. Ich erzählte ihm, dass mein digitaler Zwilling nun einiges über meine vegetarische Ernährung lernen muss.

Jochen war erst merkwürdig verschlossen, aber dann rückte er mit der Sprache heraus: Der Junge befindet sich seit einer Woche in Quarantäne, weil er sich mit einem neuartigen Corona-Virus infiziert hat. Da musste ich gleich an die große Pandemie vor 30 Jahren denken, die Hunderttausende das Leben gekostet hatte. Er hat mich dann damit beruhigt, dass er in seinen Zellen gerade den passenden Impfstoff dazu produziert – ganz so, als sei er Herr des Verfahrens.

Schon toll, was sich die Medizin da wieder hat einfallen lassen: Die Forscher entschlüsseln das Erbgut des Virus und stellen dann eine künstliche RNA mit dem entschärften Virus-Bauplan her. Die spritzt der Arzt ins Blut, wo sich die Zellen gleich daranmachen, das kastrierte Virus zu produzieren. Die impotenten Erreger gaukeln der Immunabwehr eine gefährliche Infektion vor. So werden Antikörper gebildet und sollte das echte Virus irgendwo auftauchen, sind die Immunzellen schon bestens vorbereitet. Sie haben nämlich die Pseudo-Attacke noch im Gedächtnis.

Und das wirklich Großartige daran ist: Die RNA-Schnipsel für ein Fake-Virus kann man in kurzer Zeit in großen Mengen herstellen. Nämlich mithilfe von mobilen RNA-Druckern, die überall in der Welt herumstehen wie Küchenmaschinen. So was hätten wir damals bei der Seuche gut brauchen können!

Es hat mich dann schon ein bisschen beruhigt, was Jochen erzählt hat. – Aber hoffentlich erleben wir nicht mal eine Überschwemmung mit seinen plastikfressenden Bakterien. Wenn die mutieren und einen übergroßen, ganz anders gearteten, auf uns Menschen gerichteten Appetit entwickeln …

  1. April 2033 – Sonntag

Mir kam noch ein Gedanke. Dieser inszenierte Kampf der Zellen bei der Impftherapie erinnert doch ein bisschen an grausame Videospiele. Wird hier nicht auch der Geist trainiert, sich fiktiv mit brutaler Gewalt auseinanderzusetzen? Viele Menschen reagieren sich durch die Simulation ab, aber einige törnt das auch an und sie werden im echten Leben zu aggressiven Monstern. Jochen erzählte mir von einem ähnlichen Effekt namens „antibody dependent enhancement“, der manchmal bei der RNA-Therapie beobachtet wird: Wenn die Antikörper nicht richtig arbeiten, greifen die vermeintlich gefressenen Viren die Immunzellen direkt an und zerstören sie. – Mir wird ganz schwindelig bei dem Gedanken.

Zur Ablenkung werde ich heute meinen Freund Dr. Rath anrufen. Ich möchte endlich mit ihm lecker essen und tanzen gehen, um die Harmonie analog mit einem wachen, lieben Menschen zu genießen – bevor es mit den Medien und Viren so richtig losgeht…

Quelle Text: Manfred Kindler, mt-medizintechnik Heft 4/2020

Quelle Bild: Mirjam Bauer

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