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StartKolumneKolumne: Tagebuch der Vera Neumann im Jahr 2033, Teil 3

Kolumne: Tagebuch der Vera Neumann im Jahr 2033, Teil 3

(Mai 2019) Vera Neumann, geboren am 21. November 1966, verwitwet, jetzt 66 Jahre alt, lebt allein in einer Kleinstadt. Sie ist Krebspatientin und arbeitet noch als Pflegemanagerin in einer Senioren-WG. Und: Sie schreibt seit vielen Jahren ein Tagebuch. Einblicke in ihre Gedankenwelt erhalten Sie exklusiv in mt-medizintechnik.

Der alte Hausarzt (Folge 3)

4. März 2033 – Freitag

Ich bin jetzt wütend! Weil ich mich von den blöden Robotern total überwacht fühle! Mein Kühlschrank verweigerte mir eben die Herausgabe meines geliebten Likörs! Angeblich, weil sich das nicht so gut mit meinen Pillen verträgt. Er würde mich sofort bei meinem Doc verpetzen, wenn ich die Flasche heraus­nehmen sollte.

Ich lasse meine Wut an meinem Psycho-Doc Gottfried aus. Er macht eine Atemtherapie mit ein paar Yoga-Übungen und Schattenboxen mit mir. Danach geht es mir tatsächlich besser. Aber schon wieder nur ein männlicher Video-Doc. Überhaupt – gibt es denn gar keine weiblichen KI-Docs.

Jetzt will ich aber endlich mal mit einem echten Medizinmann aus Fleisch und Blut reden. Im Xing-Portal suche ich nach meinem guten alten Hausarzt Väterchen Rath, den ich schon seit meiner Kindheit kenne. Er ist natürlich längst pensioniert. Zu meiner Überraschung arbeitet er immer noch im St. Josef-Hospital in Castrop-Rauxel. Wir verabreden uns für Samstagmittag.

5. März 2033 – Samstag

Meine Güte, hat sich das alte Ruhrgebiet verändert! Die vielen Städte von Hamm bis Düsseldorf haben sich zur neuen Ruhr-City zusammengeschlossen. Jetzt ist sie mit neun Millionen Einwohner die größte Stadt in Deutschland. Die Infrastruktur wurde optimiert und nach der Zusammenlegung machte ein gemeinsamer Krankenhausplan viele Häuser überflüssig – ein gewaltiger Strukturwandel wie damals beim Zechensterben.

Gerade fährt mich mein autonomer Bus fast geräuschlos durch grüne Innenstädte, vorbei an buntbe­malten Häuserfronten und blitzenden Geschäftsfassaden. Ohne irgendeinen Stau durch Autos und LKWs. Ich kann mich an der Kaffee- und Teebar bedienen, mir dabei Filmclips anschauen oder mich schon vorab über mein Reiseziel touristisch informieren. Mir fallen die vielen Videokameras an allen Straßenecken auf. Durch die automatische Gesichtserkennung konnte die Straßenkriminalität beseitigt werden. Dafür haben die Gangster neue, viel lukrativere Einsatzgebiete im Cyberraum gefunden.

6. März 2033 – Sonntag

Ach, hat das gutgetan! Mein guter alter Doktor Rath. Er hat sich mit seinen 79 Jahren gut gehalten. Von ein paar Prothesen abgesehen, die er sich in den letzten Jahren zugelegt hat. Er betreut seit einiger Zeit in seiner ehemaligen Wirkungsstätte das Krankenhaus-Museum. Er zeigte mir heute seinen jetzigen Arbeitsplatz. Fünf Tage in der Woche empfängt er Besuchergruppen und erklärt ihnen, wie früher ein Krankenhaus funktioniert hat und was dort alles zu tun war.

Das St. Josef-Hospital ist jetzt ein hochmodernes Cyber-Museum geworden. Patienten gibt es keine mehr. In den noch originalgetreuen Räumen können Besucher eindrucksvolle Simulationen in Virtual Reality erleben. In der Notambulanz herrscht plötzlich Hektik, als die grausam verstümmelten und verbrannten Opfer einer Massenkarambolage eingeliefert werden. Im OP-Saal versucht man sich als Chirurg an einer Herztransplantation. Bei speziell präparierten Robotern darf man Wunden zunähen, Knochenbrüche nageln, Hüftimplantate einsetzen oder als Hebamme sogar eine komplette Geburt betreuen.

Auf der Intensivstation rettet man eine beatmete Koma-Patientin mit dem Ambubeutel, nachdem plötzlich der Strom ausgefallen ist. Und im Labor kann man sich die Krankheitserreger noch mit einem richtigen Mikroskop anschauen, oder eine Petrischale damit beimpfen. Wer den Bazillus durch Recherchen in medizinischen Datenbanken am schnellsten identifiziert, wird zum Mikrobiologen ernannt. Damals musste man dafür noch umfangreiche Artikel in Fachmagazinen lesen.

Die Medizintechniker sind ständig mit der Behebung von Anwenderfehlern, Gerätefehlfunktionen und Computerstörungen durch Schadsoftware beschäftigt. Gruselig wird es auf der Pflegestation, wo man mit einem Todkranken Gespräche über das Sterben führen soll. Damals wurden die Pflegeschwestern wohl häufiger mit dieser Aufgabe konfrontiert. Als Verwaltungsleiter hat man letztendlich durch ge­schickte Planung und Mitarbeiterführung dafür sorgen, dass die Klinik trotz Personalfluktuation, Aus­fällen durch Burnouts, ständigen Instandhaltungen und immer neuen Vorschriften des Gesundheits­ministeriums noch schwarze Zahlen schreibt.

Die Gewinner des Wettbewerbs werden dann als zertifizierter Manager, Arzt, Techniker oder Pfleger des Tages gekürt und dürfen eine gerahmte Urkunde mit nach Hause nehmen. Ja, das waren noch harte Zeiten im Gesundheitswesen damals…

Quelle Text: mt medizintechnik Printausgabe, Manfred Kindler

Quelle Bild: Mirjam Bauer

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