Kolumne: Tagebuch der Vera Neumann in Jahr 2033, Teil 14

(Dezember 2020) Die krebserkrankte Pflegemanagerin Vera Neumann (66) hat sich bei einem Tanzabend in ihren ehemaligen Hausarzt Thorsten Rath verliebt. Dadurch bringt sie allerdings ihre behandelnden Ärzte zur Verzweiflung, die von ihr einen digitalen Zwilling geschaffen hatten, der nun hormonbedingt nicht mehr der Realität entspricht.

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17. April 2033 – Ostersonntag

Gerade habe ich mich wieder dabei ertappt, wie ich Tanzrhythmen vor mich hin summe. – Ich singe sonst nie. Das habe ich wohl auch Thorsten zu verdanken. Leider hat er an diesem Wochenende keine Zeit, denn er muss für seine Enkel Ostereier verstecken. Ich finde es ja rührend, dass er so ein analoges Spielchen noch mitmacht. Früher wurden die Eier auch noch bemalt, inzwischen legen die Hühner in Farbe.

Auf jeden Fall habe ich jetzt ein bisschen Zeit zur Entspannung. Die letzte Woche war schon ganz schön turbulent. Es fühlt sich an, als hätte sich mein ganzes Leben verändert. Wie bei einem Teenager, der blindlings in die erste Liebe gestolpert ist. Oder kommt das vom Tanzen? Ja, auch der Tango Argentino hat es mir angetan – Wow.

Von der ersten Minute an spüre ich, dass dieser Tanz etwas Besonderes ist. Schon wenn die Musik beginnt, verliere ich das Gefühl für Zeit und Raum. Mein Kopf wird frei und ich schwebe dahin in den Armen meines Partners. Es sieht aus wie Erotik, aber es ist mehr. Eine unbeschreibliche Verbindung mit einem anderen Menschen. Ich bin selig und dieser Zustand hält lange an.

19. April 2033 – Dienstag

Ich habe Thorsten erzählt, dass die Ärzte unser Liebesglück in meine digitale Vera einpflanzen wollen. Er ist da nicht ganz so sensibel wie ich und hat nur lauthals gelacht. Dann fielen mir auch meine KI-Doktoren Gottfried und Ferdinand ein. Ich habe ja den Verdacht, dass die beiden auch digitale Zwillinge von echten Menschen sind. So wie sich mein Neffe Jochen in China seine Avatare hält.

Thorsten schlug vor, dass ich die beiden einfach einem versteckten Turing-Test unterziehen solle. Also ein Gespräch anfangen und irgendwie emotionale Aussagen herauslocken, die den dahinter versteckten Menschen verraten würden. Super Idee. Das mache ich.

20. April 2033 – Mittwoch

Mein Psycho-Coach Gottfried musste zuerst dran glauben. Er wusste natürlich über meine neuen Gefühlsveränderungen durch seine Spione schon bestens Bescheid und wollte mich weiter explorieren. Aber ich habe den Spieß einfach umgedreht und ihn gefragt, wie es war, als er das erste Mal verliebt war. Da kam dann ganz salbungsvoll wie in der Kirche: „Es gibt nichts Schöneres als geliebt zu werden, geliebt um seiner selbst willen oder vielmehr trotz seiner selbst.“ – Ich habe nur die Stirn gerunzelt und gleich unter dem Tisch gegoogelt, und siehe da: Es ist ein Zitat vom französischen Schriftsteller Victor Hugo.

Auf die Spur gesetzt, frage ich ganz naiv weiter: Wie lange hat denn diese Liebe gedauert? Antwort: „Liebe ist nicht das, was man erwartet zu bekommen, sondern das, was man bereit ist zu geben.“ – Voll daneben. Habe ich es mir doch gedacht! Das ist wieder nur zitiert – O-Ton Katherine Hepburn – und das Ganze ein Pfusch!!! Der Text kommt von einer stupiden Computerplatine, die keinen Schimmer von den Realitäten der Liebe hat und dem Gesprächspartner mit diesem verklausulierten Gutmenschentum Authentizität vorgaukeln will. Nicht mit mir! Ich bin schon einige Jahre unterwegs und habe schon ein paar Stürme hinter mir … Und überhaupt, das sind alles so Sätze, die man vorwärts wie rückwärts lesen kann und dann immer noch ganz hilflos davorsteht. – Mein Gott, Gottfried! So eine Enttäuschung!

Morgen nehme ich mir den anderen Spezi, meinen KI-Doc Ferdinand, vor.

21. April – Donnerstag

Doc Ferdinand scheint bei seinen Antworten zunächst auch nur aus seiner Zitatensammlung zu schöpfen. Gelangweilt beschließe ich, ihn zu provozieren. „Du blöder Blechonkel, was redest du da für ein dummes Zeug? Nimmst du mich eigentlich gar nicht ernst? Ich bin es jetzt echt leid und sauer auf dich!“, schreie ich ihn an. „Moment. Ich melde mich gleich wieder.“, tönt es nüchtern aus dem Off.

Drei Minuten später ist Ferdinand wieder in der Leitung: „Was ist dein Problem?“ – „Ich habe mich unsterblich in dich verliebt, das ist mein Problem! Wann können wir uns treffen? Ich muss dich sofort sehen!“, röchele ich etwas übertrieben brünstig.

Aha. Das sitzt. Stille. Und auf einmal tritt der Zauberer vor den Vorhang: ein echter Doc und wirklicher Mensch. Er versucht mit behutsamen Worten herauszufinden, was ich denn an ihm so anziehend finde und warum ich so plötzlich verliebt bin. Schlussendlich bekommt er es mit der Angst zu tun und erzählt er mir von seiner Frau und seinen drei Kindern. Wer hätte das gedacht? Der menschliche Ferdinand aus Fleisch und Blut – mit Familie. Ihn gibt es also wirklich und in Panik versetzen kann man ihn auch. Irgendwie beruhigend zu wissen.

Ich kläre ihn über meinen heimlichen Turing-Test auf und er muss herzhaft lachen. Diese Reaktion kann keine künstliche Intelligenz simulieren. Er entschuldigt sich noch bei mir und erklärt, dass die KI-Docs nur für die üblichen Routinegespräche zuständig sind. Mein theatralischer Wutausbruch aber hat ihm einen Notfall beschert und er musste leibhaftig an die Front.

Da war ich wohl heute besser als jeder Lügendetektor. Man wird ja auch immer misstrauischer inmitten der ganzen Technologie-Manöver. Jetzt bekomme ich fast Lust, auch meine digitale Vera zu „validieren“, um herauszufinden, ob sie mir wirklich helfen kann. Vielleicht sollte ich dem System weismachen, dass ich zum Nordpol emigrieren und mich fortan nur noch von Babyrobben ernähren möchte. So könnte ich zumindest ihre Political Correctness prüfen und sehen, ob die Tonality zwischen uns stimmt …

Quelle Text: Manfred Kindler / mt-medizintechnik Heft 6/2020

Quelle Bild: Mirjam Bauer