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StartKolumneKolumne: Tagebuch der Vera Neumann in Jahr 2033, Teil 16

Kolumne: Tagebuch der Vera Neumann in Jahr 2033, Teil 16

(Juni 2021) Die krebskranke Pflegemanagerin Vera war selbst in der Klinik. Doch Veras Test ihres digitalen Zwillings ist dort für alle Beteiligten völlig unerwartet verlaufen. Die Informatiker hatten eine unglaubliche Energie verwendet, ihr digitales Abbild möglichst lebensecht darzustellen. Das ging nach hinten los. Vera ist entsetzt über die arrogante Kopie ihrer selbst.

10. Mai 2033 – Dienstag

Nachdem ich gestern wütend den Konferenzraum verlassen hatte, kam plötzlich Doc Ferdinand zu mir: der echte, als Mensch aus Fleisch und Blut. – Schließlich war es wieder ein Notfall. Im Grunde ist er ganz sympathisch. Er versuchte mich zu überreden, mit dem Experiment fortzufahren. Ich war empört über sein Ansinnen und er hat es auch gleich zu spüren bekommen. Das stimmte ihn nachdenklich und einigermaßen verständnisvoll: „Du hast Recht. Das ist nicht die echte Vera. Unsere „Dive“ ist eine maschinelle Kopie, die einfach bestimmte Erscheinungen der echten Vera simuliert. Insofern nimm sie nicht so ernst. Sie hilft uns, biologische Abläufe im menschlichen Organismus besser zu verstehen.“ Das mag ja sein, wende ich ein, aber diese Wissenschaftler sind Mechaniker, die einen Motor auseinandernehmen und in allen Einzelteilen studieren wollen. Damit erfahren sie doch überhaupt nichts über den menschlichen Fahrer, den Human Factor. Und der bin ich! Bei alldem geht es nämlich auch um Psychologie! Die messbare Welt ist nicht die reale Welt!

„Aber es ist enorm wichtig, zu wissen, wie das Werkzeug genau beschaffen ist, mit dem der Fahrer zu tun hat und dem er sein Leben anvertraut“, entgegnet mein Doc. „Mit der Hilfe deines digitalen Zwillings haben wir die richtige Medikation ermittelt und können jetzt deine Krebserkrankung heilen.“ Heilen? Habe ich da etwas von Heilung gehört? – Stimmt, hätte ich fast vergessen: Es geht hier um meine Gesundheit und nicht nur um den Fortschritt. Aber ist das eine mit dem anderen identisch? Und brauche ich die Technologie, um meinem Körper wieder zu vertrauen?

Zu Hause empfängt mich Thorsten. Er kann es kaum erwarten und will alles über meinen Test wissen. Ich hebe an und rede mich gleich wieder in Rage. Doch schließlich kann er sich ein Schmunzeln nicht verbeißen und umarmt mich liebevoll. „Ach Vera, bist du etwa eifersüchtig? Du und deine männlichen Doktoren haben sich von einem charmanten, aber seelenlosen Roboter blenden lassen. Der kann natürlich kein eigenes Leben besitzen, woher denn auch. Ich zeige dir mal was.“ – Und was kommt jetzt?

Thorsten nimmt seine Armbanduhr ab, ein altmodisches, schon abgenutztes Modell mit echten Zeigern und ein paar Skalen. „Siehst du hier diesen Kratzer an der Seite? Diese Uhr gehörte meinem Vater und sie hat ihn die meiste Zeit seines Lebens begleitet. Ein Kunstwerk, hergestellt in der Schweiz von einem genialen Meister, der vierzig Jahre Lebenserfahrung hineingesteckt hat. So ein Meisterstück kann heutzutage kein Mensch mehr bauen. Schau mal unten durch den Glasboden in das Uhrwerk hinein. Siehst du die vielen winzigen Zahnrädchen, die alle ineinandergreifen und den Lauf der Zeit einfangen? Unvorstellbar viel Geschick, Erfahrung, Geduld und monatelange Arbeit war notwendig, um dieses komplizierte Gebilde im engen Gehäuse der Uhr unterzubringen. Hier steckt das Herzblut und die Liebe eines Menschen drin. Diese Uhr hat eine Seele.“

Du lieber Himmel, das ist ja süß, jetzt will er mich ablenken, doch ich fühle mich fast ein bisschen wie im Sachkunde-Unterricht: „Der gute Onkel Thorsten erklärt mir die Welt.“ Aber er meint es ja nur gut und in der Sache hat er wohl recht. Und diese Uhr ist zweifellos ein tolles Ding. Also beherrsche ich mich, kneife die Augen zusammen und betrachte das rastlose Wirbeln in dem kleinen Glasfenster, das unaufhaltsame Verrinnen der Zeit, bis mir schwindelig wird.

„Und nun sieh mal deine digitale Armbanduhr.“ – Was, es geht also noch weiter mit dem rührigen Beispiel? Der Gute zieht jetzt wohl alle Register, nur um mich zu beruhigen. – „Millionenfach von Industrierobotern produziert, ein Computerchip mit einem Display. Du kannst damit auch die Uhrzeit ablesen. Und sogar das Ziffernblatt nach deinen Wünschen verändern, wahrscheinlich sogar meine Uhranzeige simulieren. Dazu noch mit einem Zugang ins Internet, telefonieren, Filme anschauen und vieles andere mehr. Nebenbei überwacht sie noch dein Leben. Das kann meine Uhr nicht. Sie zeigt einfach nur die Zeit an. Aber obwohl sie nicht mehr makellos ist, würde ich sie niemals gegen dieses seelenlose Ding eintauschen.“

Lieber Thorsten, denke ich, das sind ja große Neuigkeiten über meine Uhr! – Und mein Leben überwachen übrigens auch noch andere …  Ich schweige betroffen und überlege, was er mir damit sagen will. Eigentlich ist er ja ein ganz Lieber und wird sich sicher nicht in meinen aparten Zwilling vergucken. Bei Licht betrachtet steckt sogar ein Kompliment dahinter: Er sieht mich als Kunstwerk – halt analog – und er schätzt an mir mehr als die bloße Fassade. Denn hinter dem sichtbaren Äußeren verbirgt sich bei uns ein unergründlicher Kosmos mit unzähligen Facetten. Und unsere Liebe ist mehr als die äußerliche Begegnung zweier Körper. Ja, sie ist die Verbindung von zwei Seelen, sie geht in die Tiefe und da reicht keine Digital-Diva hin!

Nur ein wenig überspannt und pathetisch hat Thorsten schon geklungen … Gedankenverloren glotze ich zur Decke und dann finde ich mein kleines Resümee: „Nutze die Technik, ohne das wirkliche Leben aus den Augen zu verlieren“ – so oder so ähnlich fährt es mir an diesem Tag noch durch den Sinn, bevor ich völlig übermüdet aufs Sofa sinke.

Also, irgendwie hat das Treffen mit der Dive-Tussi ja doch sein Gutes gehabt.

Quelle Text: Manfred Kindler mt-medizintechnik Heft 2/2021

Quelle Bild: Mirjam Bauer

 

 

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